In China verkauft ein KI-Moderator rund um die Uhr.

Über 70.000 Händler auf einer einzigen Plattform lassen ein erzeugtes Gesicht ihre Ware anpreisen. Was dahintersteckt, was es kostet und was davon hier erlaubt wäre.

  • 70.000 Händler allein bei JD.com
  • 1/10 der Kosten gegenüber einem Menschen
  • 1.9.2025 Kennzeichnung in China elf Monate vor der EU

Zum Einstieg

Was ein KI-Moderator ist

Ein Gesicht und eine Stimme, die es nicht gibt. Beides wird berechnet und spricht einen Text, den ein Sprachmodell schreibt. In China heißt so etwas digitaler Mensch. Er steht in einem Verkaufsstream, hält ein Produkt hoch und beantwortet Fragen aus dem Chat.

Aufgestelltes Telefon, auf dem Bildschirm eine angedeutete Person, die eine Schachtel zeigt, daneben Sprechblasen und eine Einkaufstasche

Der Unterschied zu einem Werbespot ist die Dauer. Ein Mensch moderiert ein paar Stunden, dann braucht er Schlaf. Ein berechneter Moderator läuft weiter, auch um vier Uhr früh, und kostet dabei fast nichts. Genau daran hängt das ganze Geschäft.

Die Größenordnung

Die Zahlen aus China

Die ersten drei Zeilen hat der Händler JD.com am 24. März 2026 auf einer Presseveranstaltung genannt, berichtet von Yicai Global am 25. März 2026. Die beiden letzten stammen aus einem Bericht von Sixth Tone vom 30. August 2024. Es sind Angaben der Beteiligten, keine unabhängig geprüften Zahlen.

WasWie vielDazu
Händler bei JD.comüber 70.000nutzen digitale Moderatoren im Verkaufsstream
Kosten gegenüber einem Menschenein ZehntelAngabe des Betreibers JD.com
Umsatz darüber im Vorjahrzweistellige Milliarden Yuandas sind einige Milliarden Euro
Preis für einen eigenen Avatarab wenigen tausend Yuaneinige hundert Euro, Stand August 2024
Firmen für digitale Avatarerund 993.000im Firmenregister Tianyancha, Stand August 2024

JD.com hat die Funktion im Dezember 2025 für alle eigenen Händler kostenlos gemacht. Davor kostete sie Geld, und schon damals waren es Zehntausende. Beim Rabattfest im Juni 2024 moderierten solche Avatare für mehr als 5.000 Marken und kamen dabei auf über 100 Millionen Aufrufe.

Bevor jemand das nachbaut

Warum das hier anders liegt

Der Verkaufsstream fehlt

In China ist Einkaufen per Livestream ein eigener Markt mit Millionen Zusehern. Im deutschsprachigen Raum sieht kaum jemand dabei zu. Ein Moderator ohne Publikum spart keine Kosten, er verursacht welche.

Die Zuseher merken es

Der staatliche Nachrichtendienst Xinhua hat 2024 Händler und Kunden befragt. Die Klage war immer dieselbe: zu gleichförmig, sagt alles im selben Ton, und bei einer konkreten Frage kommt nichts Brauchbares.

Vertrauen ist der Verkaufsgrund

Wer im Stream kauft, kauft dem Menschen davor. Fachleute aus der Branche haben gegenüber Sixth Tone gesagt, dass ein Avatar genau diese Bindung beschädigen kann. Bei einem kleinen Betrieb, der von Stammkunden lebt, wiegt das schwerer als jede Ersparnis.

Hier gilt eine Kennzeichnungspflicht

Ein erzeugtes Gesicht, das echt wirkt und Werbung macht, fällt unter die Transparenzregeln der KI-Verordnung. Erkennbar sein ist keine Kür, sondern Vorgabe.

Wer ein erzeugtes Gesicht oder eine erzeugte Stimme für Werbung einsetzt, muss offenlegen, dass der Inhalt künstlich ist. Dasselbe gilt für einen Chatbot auf der eigenen Website: Der Besucher muss erkennen, dass er mit einem Programm schreibt. Beides steht in Artikel 50 der KI-Verordnung und gilt seit 2. August 2026. Was sonst noch auf einen Kleinbetrieb zukommt, steht auf KI-Verordnung für Unternehmen.

Der überraschende Teil

China kennzeichnet seit einem Jahr

Das Bild vom rechtsfreien Raum stimmt hier nicht. China hat eine eigene Kennzeichnungsverordnung für KI-Inhalte, beschlossen am 14. März 2025 und in Kraft seit 1. September 2025. Sie kam damit elf Monate vor der entsprechenden EU-Regel. Verlangt werden zwei Dinge: eine sichtbare Kennzeichnung für den Menschen und eine unsichtbare in der Datei selbst.

PunktChinaÖsterreich und EU
Seit wann1. September 20252. August 2026
Sichtbare KennzeichnungPflicht am Anfang, Rand oder Ende von Bild, Ton und VideoPflicht, wenn ein Deepfake veröffentlicht wird
Kennzeichnung in der DateiPflicht in den Metadaten, Wasserzeichen erwünschtAnbieter müssen Ausgaben maschinenlesbar markieren
Wer selbst etwas tun mussauch der Nutzer, der veröffentlichtder Betreiber, der veröffentlicht

Ein Punkt geht in China weiter als hier. Nach Artikel 10 der chinesischen Verordnung muss auch derjenige, der einen erzeugten Inhalt auf einer Plattform veröffentlicht, das von sich aus angeben und die Kennzeichnungsfunktion der Plattform benutzen. Die Pflicht liegt dort also ausdrücklich auch beim einzelnen Nutzer, nicht nur beim Anbieter der Technik.

Die Plattform Douyin, das chinesische TikTok, verlangt zusätzlich eigene Regeln: Wer einen Avatar betreibt, muss sich mit echter Identität anmelden, und ein Mensch muss den Stream beaufsichtigen.

Ehrlich gesagt

Wie sicher diese Angaben sind

Ich habe keinen dieser Streams selbst gesehen und keinen Avatar selbst gebaut. Auf dieser Seite stehen keine Anbieterempfehlungen und keine Preise für den hiesigen Markt, sondern Angaben aus Berichten mit Datum.

Die Umsatz- und Nutzerzahlen kommen von JD.com selbst. Ein Händler, der seine eigene Funktion bewirbt, ist keine neutrale Quelle. Ich habe keine unabhängige Prüfung dieser Zahlen gefunden.

Den Text der chinesischen Verordnung habe ich in der Übersetzung von China Law Translate gelesen, die auf die amtliche Veröffentlichung verweist. Chinesisch lese ich nicht. Für den Wortlaut der EU-Regel gilt der Verordnungstext selbst, nicht diese Seite.

Ob dein eigener Betrieb unter die KI-Verordnung fällt, klärt der Schnelltest in zehn Fragen.

Belege

Quellen mit Datum

  • Yicai Global, „Over 70,000 Sellers Use JD.Com’s Digital Humans for Hosting E-Commerce Livestreams“, 25. März 2026. Daraus: Zahl der Händler, ein Zehntel der Kosten, Umsatz im Vorjahr, kostenlos seit Dezember 2025.
  • Sixth Tone, „How AI Hosts Flooded China’s Livestream Platforms“, 30. August 2024. Daraus: Preis ab wenigen tausend Yuan, rund 993.000 Avatar-Firmen bei Tianyancha, 5.000 Marken beim Rabattfest im Juni 2024, die Kritik aus dem Xinhua-Bericht, die Douyin-Regeln.
  • Maßnahmen zur Kennzeichnung von KI-erzeugten und synthetischen Inhalten, erlassen von der chinesischen Cyberraum-Verwaltung und drei weiteren Stellen, veröffentlicht am 14. März 2025, in Kraft seit 1. September 2025. Gelesen in der Übersetzung von China Law Translate, die auf die amtliche Fassung bei cac.gov.cn verweist.
  • Verordnung (EU) 2024/1689, Artikel 50, Transparenzpflichten, anwendbar seit 2. August 2026

Selbst getestet und geprüft von Phil zuletzt am 26. August 2026Quellen im Original gelesen