Amazon sperrt den Marktplatz zu, der die KI großgezogen hat

21 Jahre lang erledigten Menschen auf Mechanical Turk, was Computer nicht konnten. Am 30. September ist Schluss. Die KI braucht ihre Lehrer nicht mehr.

Werkzeuge27. August 20263 Minuten Lesezeit

Auf mturk.com steht seit dieser Woche ein roter Balken: Am 30. September 2026 sperrt Amazon den Dienst Mechanical Turk endgültig zu. Damit endet nach 21 Jahren einer der eigenartigsten Marktplätze des Internets, ein Ort, an dem Menschen im Akkord die Kleinarbeit erledigten, an der Computer scheiterten. Bilder beschriften, Texte abtippen, Umfragen ausfüllen, Inhalte prüfen, für Cent-Beträge je Häppchen.

Die Startseite von Amazon Mechanical Turk mit dem roten Hinweis auf die Schließung am 30. September 2026
Bild: Bildschirmfoto mturk.com, 27.08.2026

Die Pointe der Geschichte: Ein großer Teil dieser Handarbeit bestand darin, Trainingsdaten für maschinelles Lernen zu liefern. Die Menschen auf Mechanical Turk haben der KI jahrelang beigebracht, was auf Bildern zu sehen ist und welcher Text was bedeutet. Jetzt kann die KI genau das selbst, und der Marktplatz ihrer Lehrer verschwindet.

Jeff Bezos nannte das Prinzip einst „artificial artificial intelligence": Wo die künstliche Intelligenz nicht reichte, saß eben ein Mensch.

Ein Rückbau mit Ansage

Amazon begründet den Schritt nüchtern mit einer internen Überprüfung des Angebots. Angebahnt hat sich das Ende schon länger: Seit Anfang Juli nahm der Dienst keine neuen Kunden mehr an, und zum selben Stichtag verschwinden auch die verwandten Angebote SageMaker Ground Truth und Augmented AI. Amazon steigt damit ganz aus dem Geschäft aus, menschliche Arbeitskraft für Datenaufgaben zu vermitteln.

2005ging Mechanical Turk an den Start, benannt nach dem Schachtürken, einem Automaten aus dem 18. Jahrhundert, in dem heimlich ein Mensch saß. In den besten Zeiten arbeiteten mehr als 500.000 Menschen über die Plattform. Am 30. September 2026 ist Schluss.

Die Arbeit verschwindet nicht, sie wandert

Wer heute Daten für KI-Training beschriften lässt, geht längst zu spezialisierten Anbietern wie Scale AI, Mercor oder Prolific, die gezielt Fachleute anwerben statt anonymer Massen. Gefragt ist nicht mehr, wer tausend Bilder um ein paar Cent sortiert, sondern wer einer KI erklären kann, woran ein guter Arztbrief oder ein sauberer Programmcode zu erkennen ist. Einfache Klickarbeit übernimmt zunehmend die KI selbst, bezahlt wird nur noch Wissen, das ihr noch fehlt.

Für alle, die über die Plattform Geld verdient haben, bleibt ein Monat, offene Guthaben zu sichern, Amazon verweist dafür auf die Fragen-Seite des Dienstes. Und für alle anderen ist das Ende von Mechanical Turk eine Wegmarke, die man sich merken kann: Der Ort, an dem Menschen der KI das Sehen beigebracht haben, wurde von seinen eigenen Schülern überflüssig gemacht.

Selbst getestet und geprüft von Phil zuletzt am 27. August 2026